Stimmen

 

RADIO EINS – im Gespräch mit Marion Brasch


DEUTSCHLANDRADIO KULTUR – im Gespräch mit Janis El-Bira


 

„Und dann sitzt man plötzlich in diesem Kriegerleben. Fremdenlegion, Feuertote in Irak, ein gebrochener Mann von 60 Jahren, der an der Flasche hängt, aber nicht mehr an seinem Leben. Der stolz ist, die Leukämie besiegt zu haben, sich aber nun vom Alkohol besiegen lässt – ohne Gegenwehr. Ein Mann voller Widersprüche, wie sie so unmittelbar und unverstellt nur im echten Leben auftauchen, nicht aber in der Dramatik.

Der Regisseur Johann Kuithan und der Schauspieler Leon Ullrich tun gut daran, ihre 90-minütige Performance „Das gute Leben“ mit echtem Leben zu füllen, mit echten Stimmen, echten Brüchen und Verletzungen, Sehnsüchten und Freuden. Wir begegnen im Ballhaus Ost holzhackenden Kleingärtnern, fremdenangsterfüllten Wirten, schrägen Großmüttern und tanzenden Flüchtlingen. Sie alle sind mit und in den beiden Performern auf der Suche nach der Antwort auf eine große Frage: Was ist das gute Leben, das hierzulande so viele bedroht sehen? Freiheit, Sicherheit, Geborgenheit, Liebe? Ein eigenes Stück Land, eine Flasche Bier, Zeitungslesen in der Sonne?

Die Antworten sind so vielgestaltig, wie das Leben selbst und das ist in diesen beängstigenden Zeiten ein ganz wunderbarer Trost: Dass Leben eben viel mehr ist, als die Angst davor, den Status quo zu verlieren. Dass es die kleinen Dinge sind, die uns große Gefühle bescheren. Kuithan und Ullrich ist hier etwas gelungen, was Regierungen in Europa nicht gelingen will: sie befreien uns für 90 Minuten von Angst, in dem sie diese ernst, aber nicht zu ernst nehmen und das Leben feiern, ohne es zu romantisieren. Oder es zu verteufeln.

Rund 50 Männer, Frauen, Kinder haben die beiden Performer in den vergangenen Wochen und Monaten befragt. Es ist kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung, keine statistisch relevante Größe. Und doch ist es ein Deutschlandbild, das mehr Inhalt transportiert, mehr zum Verständnis der Lage des Landes beiträgt, als jede Studie, jedes Interview, jede Bundestagsdebatte es jemals könnte. Ein kleiner, großer Wurf. „

Daniel Müller – DIE ZEIT